Beziehungen & Konflikte · 4 min · Stand
Geht es gerade um die Sache – oder ums Ego?
Von Clemens Klarmann · Psychologe & Coach
Ein Vorschlag wird diskutiert. Nach wenigen Minuten geht es nicht mehr darum, ob er sinnvoll ist. Es geht darum, wer ihn eingebracht hat, wer vorher gefragt wurde und wer hier eigentlich Erfahrung hat. Die Sache ist noch im Raum. Aber sie scheint nicht mehr der wichtigste Gegenstand des Gesprächs zu sein.
Ego ist keine Diagnose
Mit Ego meine ich hier den Wunsch, ein bestimmtes Bild von sich zu schützen: kompetent, wichtig, souverän oder im Recht zu sein. Das ist eine mögliche Lesart einer Situation, keine Diagnose über eine Person. Ein hartes Nein kann fachlich richtig sein. Ein scharfer Ton kann mit Zeitdruck zusammenhängen. Nicht jeder Konflikt ist ein verdeckter Selbstwertkonflikt.
Gerade deshalb lohnt sich die Frage als Selbstprüfung mehr als als Etikett für andere: Was genau verteidige ich gerade? Eine fachliche Position? Ein berechtigtes Interesse? Oder die Vorstellung, dass meine Einschätzung nicht korrigiert werden darf?
Wenn ein Einwand zur Bedrohung wird
Ein fiktives Beispiel: Ein Teammitglied weist auf ein Risiko in einem bereits angekündigten Projekt hin. Die Leitung antwortet nicht auf das Risiko, sondern erklärt, wie lange sie dieses Geschäft schon kenne. Vielleicht ist die Sorge unbegründet. Aber das kann nach dieser Antwort niemand besser beurteilen.
Eine mögliche Dynamik wäre: Der Einwand wird nicht als Information verarbeitet, sondern als Infragestellung der eigenen Kompetenz. Das ist eine Hypothese. Prüfen lässt sich zunächst das beobachtbare Verhalten: Wurde nachgefragt? Wurde das Risiko konkret bewertet? Konnte die Einschätzung geändert werden?
Fast, Burris und Bartel untersuchten Zusammenhänge zwischen geringer managerialer Selbstwirksamkeit, defensiven Reaktionen und dem Umgang mit Mitarbeiterstimmen. Ihre Ergebnisse machen Selbstwertschutz als Erklärung plausibel. Sie erlauben nicht, aus einem einzelnen Meeting auf die Motive einer bestimmten Person zu schließen. [1]
Drei Fragen statt einer Charakterbewertung
Erstens: Welche Beobachtung haben wir? Etwa: Ein Einwand wurde dreimal unterbrochen. Das ist etwas anderes als: Mein Gegenüber ist narzisstisch. Zweitens: Welche Sachfrage bleibt dadurch offen? Drittens: Was wäre jetzt eine angemessene Form, sie weiterzubearbeiten?
Diese Trennung hilft auch bei der eigenen Reaktion. Wenn ich mich übergangen fühle, kann mein Impuls sein, meinen Wert zu beweisen. Vielleicht verteidige ich dann eine Position stärker, als ich es unter anderen Bedingungen tun würde. Das macht mein Argument nicht automatisch falsch. Es gibt mir aber eine zusätzliche Frage an mich selbst.
Zur Sache zurückfinden, ohne jemanden bloßzustellen
Ein möglicher Satz lautet: Ich möchte die fachliche Frage von der Frage trennen, wer sie eingebracht hat. Welches Kriterium würde uns hier weiterhelfen? Oder: Wir müssen uns nicht sofort einig sein. Können wir zuerst prüfen, welches Risiko konkret gemeint ist?
Das sind Gesprächsangebote, keine garantierten Deeskalationstechniken. Entscheidend sind Machtverhältnisse, Vorgeschichte und die Bereitschaft der Beteiligten. Eine Runde, in der Widerspruch bestraft wird, lässt sich nicht durch einen besonders geschickten Satz zuverlässig sicher machen.
Für die eigene Führung wäre eine kleine Übung möglich: Einen Einwand zunächst in eigenen Worten zusammenfassen, bevor Sie ihn bewerten. Nicht um Zustimmung zu inszenieren, sondern um zu prüfen, ob Sie gerade wirklich antworten oder nur abwehren.
Verstehen ist nicht dasselbe wie entschuldigen
Psychologisches Verstehen kann erklären helfen, warum eine Situation festfährt. Es verpflichtet Sie nicht, wiederholte Abwertung hinzunehmen. Selbst wenn Unsicherheit eine Rolle spielt, bleiben Ton, Verhalten und Umgang mit Macht besprechbar.
Im Coaching würde ich deshalb beide Richtungen offenhalten: Was berührt mich daran und welchen eigenen Anteil kann ich beeinflussen? Und was gehört klar zum Verhalten anderer oder zu einem problematischen System? Die zweite Frage darf nicht verschwinden, nur weil die erste interessant ist.
Fragen zum Weiterdenken
- Welche konkrete Aussage verteidige ich – und wodurch wäre sie widerlegbar?
- Was würde ich an diesem Vorschlag anders beurteilen, wenn er von jemand anderem käme?
- Wo brauche ich ein Gespräch, und wo eher eine klare Grenze?
Die hilfreiche Frage lautet nicht: Wer hat hier das größte Ego? Sondern: Was verhindert gerade, dass wir die Sache gemeinsam prüfen können?
Quellen und weiterführende Literatur
Lernen wir uns kennen.
Sie erzählen, was Sie beschäftigt. Sie erleben, wie ich zuhöre und nachfrage. Danach entscheiden wir, ob und wie wir zusammenarbeiten möchten.
Sie müssen vorher noch nicht alles sortiert haben.
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