Selbstführung & Entwicklung · 4 min · Stand
Innere Antreiber: Wenn der eigene Anspruch keine Ruhe lässt
Von Clemens Klarmann · Psychologe & Coach
Die Aufgabe ist erledigt. Trotzdem öffnen Sie sie noch einmal. Die Rückmeldung war gut, aber ein Nebensatz beschäftigt Sie bis abends. Niemand verlangt gerade mehr. Und doch fühlt sich Aufhören nicht nach einer Entscheidung an, sondern nach Nachlassen.
Ein Bild, kein Persönlichkeitstest
Ich verwende innere Antreiber hier als Bild für Forderungen, die im eigenen Denken selbstverständlich geworden sind: Mach es richtig. Sei stark. Enttäusche niemanden. Gib dir mehr Mühe. Das sind Beispiele zum Wiedererkennen, keine festen Menschentypen und keine Diagnosen. Dieser Artikel ist auch kein validierter Antreiber-Test.
Eine solche Forderung kann in bestimmten Situationen hilfreich sein. Sorgfalt schützt Qualität, Ausdauer hilft bei schwierigen Aufgaben, Rücksicht hält Beziehungen offen. Interessant wird die Frage dort, wo aus einer verfügbaren Fähigkeit eine Regel ohne Ausnahme wird.
Will ich das – oder darf ich es nicht anders machen?
Ein fiktives Beispiel: Zwei Führungskräfte bereiten dieselbe Präsentation sehr gründlich vor. Die eine möchte einen anspruchsvollen Gedanken gut erklären und entscheidet irgendwann: Das reicht für heute. Die andere arbeitet weiter, weil jeder mögliche Fehler etwas über ihren Wert zu sagen scheint. Das äußere Verhalten sieht ähnlich aus; die innere Freiheit kann sehr verschieden sein.
Die Selbstbestimmungstheorie unterscheidet autonome Motivation von stärker kontrollierten Formen, auch wenn der Druck von innen kommt. Hoher Einsatz allein sagt daher wenig darüber, wie selbstbestimmt er erlebt wird. [1]
Hohe Standards sind nicht dasselbe wie Selbstabwertung
Die Frage muss nicht lauten, wie Sie Ihre Ansprüche loswerden. Vielleicht möchten Sie sie behalten, aber wieder wählen können: Hier ist Genauigkeit wichtig. Hier genügt eine erste Version. Hier darf ein anderer Mensch es anders machen.
Ein brauchbarer Unterschied wäre: Ich möchte etwas gut machen. Oder: Wenn es nicht gut genug ist, bin ich nicht gut genug. Im zweiten Satz wird eine Aufgabe zusätzlich zur Prüfung der eigenen Person. Das kann im Coaching besprechbar werden, ohne Ehrgeiz pauschal zum Problem zu erklären.
Die Metaanalyse von Hill und Curran unterscheidet perfektionistisches Streben von perfektionistischen Sorgen. Besonders die Sorgen – etwa vor Fehlern und negativer Bewertung – waren mit Burnout-Symptomen verbunden. Das ist ein Zusammenhang, keine individuelle Diagnose oder Vorhersage. [2]
Eine innere Regel konkret untersuchen
Nehmen Sie eine überschaubare Situation, nicht Ihre gesamte Persönlichkeit. Schreiben Sie den Satz auf, der Sie darin antreibt: Ich muss sofort antworten. Fragen Sie dann: Wer erwartet das ausdrücklich? Was befürchte ich, wenn ich es nicht tue? Und welche angemessene Reaktion würde ich bei einer geschätzten Kollegin akzeptieren?
Vielleicht zeigt sich eine reale Anforderung. Vielleicht eine befürchtete Bewertung. Vielleicht beides. Diese Unterscheidung ist wichtiger als sich einzureden, alles sei nur im eigenen Kopf.
Ein kleiner Versuch könnte sein, eine nicht dringliche Nachricht zu einem vereinbarten Zeitpunkt zu beantworten statt sofort. Dabei geht es nicht darum, Pflichten zu ignorieren. Es geht darum, in einer risikoarmen Situation zu prüfen, ob die innere Regel tatsächlich so starr sein muss.
Nicht noch besser darin werden, Druck auszuhalten
Es wäre widersprüchlich, aus der Arbeit an inneren Antreibern das nächste Selbstoptimierungsprojekt zu machen. Sie müssen nicht besonders schnell gelassener werden. Auch der Wunsch, alles richtig zu bearbeiten, kann Teil dessen sein, was wir gemeinsam anschauen.
Und: Ein anspruchsvoller Arbeitsplatz ist nicht automatisch das Produkt eigener Ansprüche. Unrealistische Arbeitsmengen, widersprüchliche Erwartungen oder abwertendes Verhalten müssen als äußere Bedingungen ernst genommen werden. Coaching soll Ihnen nicht beibringen, all das freundlicher zu ertragen.
Wenn wir eine innere Regel verstehen, kann eine neue Möglichkeit entstehen: den Anspruch situativ zu nutzen, statt ihm ständig gehorchen zu müssen. Das ist etwas anderes als weniger engagiert zu sein.
Fragen zum Weiterdenken
- Welcher Muss-Satz wird unter Druck besonders laut?
- Wofür ist dieser Anspruch hilfreich – und wo wird er unnachgiebig?
- Welche kleine Ausnahme wäre fachlich vertretbar und persönlich ungewohnt?
Nicht jeder hohe Anspruch ist ein Problem. Entscheidend ist auch, ob Sie ihn einsetzen können – oder ob Sie ihm folgen müssen.
Quellen und weiterführende Literatur
Lernen wir uns kennen.
Sie erzählen, was Sie beschäftigt. Sie erleben, wie ich zuhöre und nachfrage. Danach entscheiden wir, ob und wie wir zusammenarbeiten möchten.
Sie müssen vorher noch nicht alles sortiert haben.
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