Zum Inhalt springen
    ← Alle Impulse

    Rollen & Veränderung · 4 min · Stand

    Führen ohne Mandat: Verantwortung tragen, ohne entscheiden zu dürfen

    Von Clemens Klarmann · Psychologe & Coach

    Sie sollen ein Ergebnis verantworten. Die entscheidenden Fragen werden jedoch anderswo entschieden. Wenn etwas nicht funktioniert, sind Sie zuständig. Wenn Sie es anders machen möchten, sind Sie es plötzlich nicht. Irgendwann lautet die Frage nicht mehr nur, wie Sie Ihre Aufgabe erfüllen. Sondern, ob Sie überhaupt gut genug darin sind.

    Eine Rollenfrage kann sich wie persönliches Versagen anfühlen

    Ein fiktives Beispiel: Eine Teamleitung soll die Lieferfähigkeit verbessern. Sie kann weder Prioritäten festlegen noch Ressourcen verbindlich zusagen. Zusagen anderer werden ihr als Verpflichtung übergeben; ein eigener Vorschlag wird als Einmischung behandelt. Sie bereitet sich immer gründlicher vor und bleibt trotzdem abhängig von Entscheidungen, die sie nicht trifft.

    Meine erste Frage wäre hier nicht, wie diese Person überzeugender wirken kann. Sondern: Wofür wird sie tatsächlich verantwortlich gemacht, und welche Bedingungen kann sie beeinflussen? Erst danach lässt sich sinnvoll darüber sprechen, welche persönliche Entwicklung hilfreich wäre.

    Tubre und Collins fanden in einer Metaanalyse einen negativen Zusammenhang zwischen Rollenunklarheit und Arbeitsleistung. Ein fehlendes Mandat ist nicht dasselbe wie Rollenunklarheit; der Befund erinnert aber daran, Rollenbedingungen nicht vorschnell als individuelles Leistungsproblem zu behandeln. [1]

    Einfluss, Entscheidung und Verantwortung auseinanderhalten

    Einfluss bedeutet, eine Sichtweise einbringen und andere gewinnen zu können. Entscheidungsbefugnis bedeutet, innerhalb eines vereinbarten Rahmens tatsächlich entscheiden zu dürfen. Ergebnisverantwortung bedeutet, für das Resultat einzustehen. Diese drei Dinge können auseinanderfallen.

    Nicht jede laterale Führung ist deshalb schlecht organisiert. Zusammenarbeit ohne disziplinarische Macht kann gut funktionieren, wenn Auftrag, Grenzen und Entscheidungswege verbindlich sind. Problematisch wird es, wenn Einflussarbeit als Ersatz für nie geklärte Zuständigkeiten dienen soll.

    Auch ein Titel schafft nicht automatisch Handlungsspielraum. Umgekehrt kann ein klarer Auftrag ohne großen Titel wirksam sein. Interessanter als die Bezeichnung ist deshalb, worüber Sie entscheiden dürfen und was passiert, wenn andere diese Entscheidung nicht mittragen.

    Den Auftrag an einem Ergebnis klären

    Statt über die gesamte Rolle zu streiten, kann ein konkretes Vorhaben der bessere Einstieg sein: Für welches Ergebnis soll ich einstehen? Welche Entscheidungen liegen dafür bei mir? Wer entscheidet bei Zielkonflikten? Welche Ressourcen sind verbindlich?

    Eine mögliche Formulierung: Ich kann die Umsetzung koordinieren und die Risiken sichtbar machen. Die Priorisierung zwischen diesen beiden Zielen muss bei Ihnen liegen, solange ich sie nicht selbst entscheiden darf. Das ist eine Beschreibung des Arbeitsrahmens, nicht automatisch ein Rückzug aus Verantwortung.

    Wichtig ist, Vereinbarungen nachvollziehbar festzuhalten. Nicht als Sammlung von Beweisen gegen andere, sondern damit Beteiligte dieselbe Vorstellung davon haben, was zugesagt wurde und was offenbleibt.

    Die Grenze des besseren Auftretens

    Natürlich können Kommunikation, Timing und die eigene Reaktion einen Unterschied machen. Vielleicht ist ein Gespräch zu anklagend geworden. Vielleicht wird ein Vorschlag unklar vorgetragen. Daran lässt sich arbeiten. Aber ein perfekt formulierter Satz verleiht noch keine Befugnis, die niemand abgeben möchte.

    Wird die Klärung wiederholt verweigert, muss auch das Teil der Einschätzung sein. Dann geht es möglicherweise um einen engeren Auftrag, eine bewusste Begrenzung eigener Zusagen oder darum, ob diese Rolle unter den bestehenden Bedingungen tragbar ist. Coaching kann diese Abwägung begleiten; es kann Ihnen kein Mandat von außen verschaffen.

    Nicht jeden organisatorischen Widerspruch in sich selbst lösen

    Wer sich stark über Verlässlichkeit definiert, kann versucht sein, fehlende Strukturen durch immer mehr persönlichen Einsatz auszugleichen. In einem Coaching würde ich fragen: Welche Lücke halte ich durch meine Mehrarbeit unsichtbar? Was befürchte ich, wenn ich sie nicht mehr stillschweigend schließe?

    Die Antwort muss nicht Konfrontation sein. Vielleicht braucht es zuerst eine nüchterne Beschreibung. Vielleicht die Unterstützung einer geeigneten Person. Vielleicht die Erlaubnis, eine Grenze zu sehen, ohne sich dafür als unzureichend zu bewerten. Persönliche Verantwortung ernst zu nehmen heißt nicht, jede fremde Entscheidung persönlich kompensieren zu müssen.

    Fragen zum Weiterdenken

    • Für welches Ergebnis stehe ich ein, ohne die nötigen Entscheidungen treffen zu dürfen?
    • Welche Zuständigkeit ist ausdrücklich vereinbart – und welche nur stillschweigend bei mir gelandet?
    • Was liegt in meinem Einfluss, und was muss auf einer anderen Ebene geklärt werden?

    Führung braucht nicht immer einen großen Titel. Sie braucht aber einen ehrlichen Zusammenhang zwischen Auftrag, Spielraum und Verantwortung.

    Die organisatorische Perspektive vertiefen: Verantwortung ohne Autorität →

    Quellen und weiterführende Literatur

    1. Tubre & Collins (2000): Role ambiguity, role conflict, and job performance. Journal of Management.

    Lernen wir uns kennen.

    Sie erzählen, was Sie beschäftigt. Sie erleben, wie ich zuhöre und nachfrage. Danach entscheiden wir, ob und wie wir zusammenarbeiten möchten.

    Sie müssen vorher noch nicht alles sortiert haben.

    15–20 Minuten · kostenlos, vertraulich und unverbindlich